Ein Wörterbuch ohne Wörter?

DW-DGS. Digitales Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache – Ein Projekt aus dem Tätigkeitsfeld Lehren

Heutzutage findet man für alles ein Wörterbuch, wenn man danach sucht. Ob für Dialektwörter, Katzensprache oder erfundene Sprachen wie Elbisch oder Klingonisch – für sie alle gibt es verschiedene Nachschlagewerke. Die Fülle an Wörterbüchern scheint schier unendlich groß und sicher haben auch Sie schon einmal eines in Ihrem Alltag verwendet! Es gibt jedoch eine Sprache, der ein umfangreiches, korpusbasiertes Wörterbuch fehlt – die deutsche Gebärdensprache. Kaum zu glauben, oder? Das haben sich auch Angewandte Linguistinnen und Linguisten gedacht und sich daran gemacht, bei der Schließung dieser Lücke zu unterstützen.

Gebärdensprachen sind visuell-manuelle, natürliche Sprachen von derselben Komplexität wie gesprochene Sprachen. Die Gebärden verbinden Gestik, Mimik und das Mundbild von lautlos gesprochenen Wörtern sowie Wechsel der Körperhaltung und werden insbesondere von nicht-hörenden und schwerhörenden Menschen zur Kommunikation genutzt. Gebärdensprachen verfügen über einen umfassenden Wortschatz und folgen ihrer eigenen Grammatik. Dabei werden, wie in gesprochenen und geschriebenen Sprachen, Elemente (hier die Gebärden) zu Sätzen und Satzfolgen zusammengefügt. Es gibt jedoch nicht die eine Gebärdensprache, sie unterscheiden sich weltweit und auch innerhalb einzelner Länder als Dialekte.

Wie wird das DW-DGS erstellt?

Ziel des Projekts ist die Erstellung eines Digitalen Wörterbuchs der deutschen Gebärdensprache (DW-DGS), das nicht auf der deutschen Lautsprache beruht, sondern auf den Gebärden selbst. Dazu arbeiten Linguistinnen und Linguisten mit Mitgliedern anderer Fachbereiche, gehörlos oder hörend, zusammen. Das Wörterbuch dokumentiert und erklärt, wie Nutzerinnen und Nutzer der deutschen Gebärdensprache in ihrem Alltag kommunizieren.

Dafür wurde zunächst das DGS-Korpus erstellt, das aus Beispielen besteht, die zeigen sollen, wie die Sprache im alltäglichen Gebrauch verwendet wird. Um dieses Korpus zu erstellen, wurden für das Projekt in ganz Deutschland Freiwillige befragt, die die deutsche Gebärdensprache verwenden. Die Freiwilligen wurden gefilmt, während sie sich zum Beispiel über vorgegebene Themen unterhalten oder Bildergeschichten nacherzählt haben. Das Videomaterial wurde dann von Linguistinnen und Linguisten ausgewertet. Dabei wurden auch regionale Unterschiede mit einbezogen, um ein möglichst genaues Ergebnis zu erzielen und ein größeres Verwendungsspektrum zu bieten.

Der Willkommensgruß des DW-DGS in Gebärdensprache! Hier wird zudem auf die (noch) Unvollständigkeit des Wörterbuchs hingewiesen. (Video von der Projekthomepage)

Wie funktioniert das Wörterbuch?

Das DW-DGS ist in erster Linie ein einsprachiges Wörterbuch, welches als Nachschlagewerk für alle fungiert, die sich für Gebärdensprache interessieren, diese in ihrem Alltag nutzen, sie lehren oder lernen wollen. Dabei werden die Gebärden in Videos gezeigt und ihre Verwendung erklärt. Es gibt jedoch auch eine Beschreibung der Gebärden in deutscher Sprache und eine Suchfunktion für diese deutschen Wörter. Daher hat das DW-DGS mehrsprachigen Charakter und ist keineswegs ein Wörterbuch ohne Wörter, sondern eins mit Gebärden und den zugehörigen Wörtern. 😉

Um eine reibungslose Nutzung garantieren zu können, braucht es unter anderem Spezialistinnen und Spezialisten der Lexikographie, also Linguistinnen und Linguisten, die sich mit Wörterbüchern, ihrem Aufbau und der Online-Nutzung beschäftigen. Für diese Nutzung wurden Befragungen unter Usern durchgeführt sowie stetig um Feedback gebeten.


So sieht ein vorläufiger Wörterbucheintrag einer Gebärde im DW-DGS aus! (Abbildung von der  Projekthomepage)

An wen genau richtet sich das DW-DGS?

Grundsätzlich ist das online verfügbare Wörterbuch natürlich für jede und jeden zugänglich. Das Augenmerk liegt aber vor allem auf Menschen, welche die deutsche Gebärdensprache als ihre Muttersprache nutzen. Außerdem ist es für fortgeschrittene Lernerinnen und Lerner geeignet sowie für Personengruppen, die sich sowohl in der Theorie als auch in der Praxis mit der Struktur und der Verwendung der deutschen Gebärdensprache befassen. Zu diesem Personenkreis zählen beispielsweise DGS-Dozierende, Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher aber auch Linguistinnen und Linguisten allgemein.

Darüber hinaus richtet es sich unter anderem an Eltern gehörloser Kinder, Hörende, die beispielsweise mit Gehörlosen zusammenarbeiten sowie an Spätertaubte. Um die Kommunikation zwischen Hörenden und Nicht-Hörenden zu verbessern, lohnt sich ein Blick in das DW-DGS aber sicherlich für alle!

Wer stellt das DW-DGS überhaupt auf die Beine?

So ein großes Langzeitprojekt (immerhin läuft es seit 2009!) muss von vielen Mitarbeitenden getragen werden. Das Team rund um das DW-DGS setzt sich sowohl aus gehörlosen als auch aus hörenden Mitwirkenden zusammen. Gemeinsam arbeiten sie für dieses Akademieprojekt am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg. Teil dieses großen Teams sind zudem Angewandte Linguistinnen und Linguisten. Diese kümmern sich lexikographisch um die bereits genannte Korpus- und Wörterbuchgestaltung, fragen sich also, wie solche Artikel am besten aufgebaut sein sollten und wie man sie online strukturiert nutzen kann. Zudem befassen sie sich mit der Analyse der Sprache. Dazu gehört unter anderem das Erfassen der lexikalischen Struktur authentischen Sprachgebrauchs. Neben derzeit mehr als zehn studentischen Hilfskräften, wird das Projekt zudem von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaften anderer Disziplinen sowie weiteren Personen, welche den Kontakt zwischen dem Projekt und der Gebärdensprachgemeinschaft herstellen, tatkräftig unterstützt.

Wofür braucht man das Projekt?

Das digitale Wörterbuch der deutschen Gebärdensprache besitzt eine große Besonderheit: Es ist das erste korpusbasierte allgemeinsprachliche Wörterbuch der deutschen Gebärdensprache, es geht also von den Gebärden und nicht vom deutschen Wort aus. Damit ist es ein wichtiger Schritt in der Erforschung, Dokumentation und Lehre der deutschen Gebärdensprache. Besonders für die bereits genannte Zielgruppe soll das DW-DGS eine Erleichterung sein und Vorteile bringen, wie zum Beispiel das Vermeiden von Misskommunikation durch regionale Unterschiede. Aber nicht nur das. Es soll auch dadurch, dass es als eine gemeinsame Grundlage für Lehrende und Lernende dient, die deutsche Gebärdensprache für ein größeres Publikum zugänglich und nutzbar machen sowie Standardisierung ermöglichen. Ab seiner Veröffentlichung im Jahr 2023 soll es nach einem 15-jährigen Entwicklungszeitraum also vielen Lernenden als ausführliche Hilfe dienen und den Alltag für Nutzerinnen und Nutzer erleichtern.

Mehr Informationen zum Korpus und Wörterbuch gibt es auf der zugehörigen Homepage des DW-DGS!

Die Autorinnen:

Julia Brümmer-Dauer – studiert im 6. Semester Germanistik und Geographie auf Gymnasiallehramt. Neben ihrem Interesse an Humangeographie begeistert sie sich auch für die Angewandte Linguistik.

Anna-Lisa La Rocca – ist Gymnasiallehramtsstudentin und studiert im 8. Semester Germanistik, Anglistik und Sozialkunde. Wenn sie sich nicht gerade mit dem DW-DGS auseinandersetzt, ist sie Teil der Uni-Zeitung Sprachrohr.

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