Eine Brücke zwischen Beruf und Alltag

Angewandte Linguistik und das Tätigkeitsfeld Professionalisieren

Sprache prägt unseren Alltag wie nichts anderes, doch dabei ist die gegenseitige Verständigung nicht immer einfach. Vor allem, wenn es um die Kommunikation zwischen Expertinnen und Experten und Fachfremden geht. Ein Gespräch im juristischen, behördlichen, medizinischen oder in anderen fachsprachlichen Kontexten kann uns vor große Herausforderungen stellen. 

Der Einfluss auf unseren Alltag

Es sind alltägliche Probleme, die viele Bereiche unseres Lebens beeinflussen. Nehmen wir beispielsweise das Diagnosegespräch zwischen Ärztinnen und Ärzten und den behandelten Personen. Ein solches Gespräch kann viele für die Patientin oder den Patienten komplizierte Fachwörter und Formulierungen enthalten, denen Laien eventuell nicht folgen können. Das kann zu großem Unbehagen der einzelnen Gesprächsteilnehmenden, aber sogar zu Missverständnissen über wichtige gesundheitsrelevante Gesprächsinhalte führen.

Doch zum Glück sind auch in diesen professionellen Kontexten wieder Angewandte Linguistinnen und Linguisten am Werk! Sie ermöglichen eine bessere Kommunikation in beruflichen und fachlichen Kontexten und bilden somit die Brücke zwischen Expertinnen und Experten und Fachunkundigen. Außerdem optimieren sie Kommunikationsprozesse und Handlungsabläufe in diesen Bereichen, beispielsweise in Unternehmen. 

Mit sprachlicher Professionalisierung beschäftigen sich unter anderem die Fachkommunikation, die Gesprächsforschung, interkulturelle Kommunikation, Medienkommunikation, aber natürlich auch Textlinguistik, Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaften und viele Fachbereiche mehr.

Eine Brücke durch Linguistik

Das Ziel der linguistischen Professionalisierung erreichen Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler unter anderem durch Coaching. Ein wissenschaftlicher Anbieter ist die Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (zhaw), die auf ihrer Seite ein breites Professionalisierungsangebot aufzeigt. Dabei richtet sie sich vor allem an Unternehmen und Organisationen, aber auch an Privatpersonen.

Dort gibt es auch eine große Abteilung für die Angewandte Linguistik, welche den Fokus auf die Professionalisierung von Sprache und Kommunikation richtet. Neben der Unterstützung im Bereich Fachtexte, spielen auch Terminologie und Schreib-Coachings eine Rolle. Dabei wird an der zhaw die Meinung vertreten, dass die für einen Fachtext schwierigen Termini nur ein Teil des Problems darstellen. Denn auch komplizierte Satzstrukturen können beispielsweise eine große Hürde für das Verständnis von Fachtexten darstellen. Durch die Professionalisierungsarbeit sollen Inhalte verständlicher und dennoch korrekt dargestellt und so die Kommunikation zwischen Expertinnen und Experten und Fachfremden verbessert werden. 

Auf der Homepage der zhaw finden Sie auch einen Podcast, in einer Folge geht es zum Beispiel um professionelles Schreiben, hören Sie doch einmal rein!

Sprachliche Professionalisierung ist wichtig für berufliche und fachliche Kontexte unseres Alltags. Die Angewandte Linguistik baut eine Brücke, die sprachliche Missverständnisse vermeiden und so die Kommunikationsprozesse vereinfachen und optimieren kann.

Die Autorinnen:

Yukari Hayashida studiert Germanistik als Fremdsprachenphilologie im vierten Semester. Sie interessiert sich für die deutsche Sprache und die Kultur der deutschsprachigen Länder in allen Ausprägungen.

Leonie Kampmann studiert Germanistik und Vergleichende Sprachwissenschaft auf Bachelor. Die Angewandte Linguistik findet sie spannend, weil Sprache unser zentrales Kommunikationsmittel ist. Sie glaubt fest daran, dass ein besseres Verständnis sprachlicher Strukturen letztlich auch die Kommunikation fördern und Missverständnisse vermeiden kann.

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Turn-Taking und Verständnissicherung beim Telefondolmetschen

Ein Projekt aus dem Tätigkeitsfeld Beraten

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein fremdes Land und niemand versteht Sie. Sie müssen dennoch Behördengänge erledigen oder Diagnosegespräche mit Ärztinnen und Ärzten führen. Das ist Alltag für viele Menschen mit Migrationshintergrund, die Unterstützung für diese Tätigkeiten brauchen. Solche Unterstützung kommt unter anderem durch Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die als Übersetzerinnen und Übersetzer in Gesprächen fungieren.

Dabei kommt es häufig vor, dass nicht genug Dolmetschende für eine bestimmte Sprache, beispielsweise Arabisch, vor Ort sein können. Zum Glück wird die Technik jedoch immer fortschrittlicher und vielseitiger und das hat auch Einfluss die Formen des Dolmetschens. Neben Video-Gesprächen ist seit vielen Jahren auch das Telefon ein beliebtes Mittel, um über weite Entfernungen das Dolmetschen zu ermöglichen.

Das hat es mit Telefondolmetschen auf sich

Wie der Name bereits sagt, ist beim Telefondolmetschen die Dolmetscherin oder der Dolmetscher nicht persönlich vor Ort, um die Klientin oder den Klienten zu unterstützen, sondern als dritte Partei per Telefon zugeschaltet. Dieses Konzept ist keinesfalls neu und wird bereits seit den 70ern, zunächst in Australien, praktiziert. In den darauffolgenden Jahrzehnten kam das Telefondolmetschen über die USA, wo es zunächst nur für die Polizei angeboten wurde, auch nach Europa.

Beim Telefondolmetschen kann man in drei verschiedene Situationen unterteilen: 

1. Beide Gesprächsparteien und die Dolmetscherin oder der Dolmetscher befinden sich an unterschiedlichen Orten. 

2. Die beiden Gesprächsparteien befinden sich an einem Ort und unterhalten sich über den Lautsprecher des Telefons, sodass die Dolmetscherin oder der Dolmetscher mithören kann.

3. Die Situation ist ähnlich wie bei der zweiten Form, nur dass das Gespräch nicht über einen Lautsprecher stattfindet, sondern das Telefon zwischen den Gesprächsteilnehmenden hin und her gereicht wird.

Telefondolmetschen und seine Tücken

So gut und praktisch das Konzept Telefondolmetschen klingt, vor allem für Regionen, in denen Dolmetscherinnen und Dolmetscher fehlen, es birgt auch einige Probleme. Zum einen wären da natürlich die technischen Schwierigkeiten, die bei einer Telefonverbindung auftreten können. Kommt es zu kurzen Unterbrechungen, kann das Verständnis der einzelnen Parteien nicht mehr gesichert werden.

Ein weiteres Problem ist das Fehlen nonverbaler Kommunikationsmittel. In einem face-to-face-Gespräch spielen für die Verständnissicherung auch Gestik und Mimik eine Rolle, in einem Telefongespräch entfällt das komplett. Das ist vor allem ein Hindernis für das „Turn-Taking“, also den Wechsel der Sprecherin oder des Sprechers, der durch Mimik und Gestik gut unterstützt werden kann. Die Dolmetschenden müssen dann auf paraverbale Signale achten, zum Beispiel auf den Tonfall, das Tempo oder den Akzent. Sonst bleibt nur die Möglichkeit, das Gespräch direkt verbal zu unterbrechen und eventuell den weiteren Verlauf des Gesprächs zu stören. Das kann zu einem Gefühl des Unbehagens oder Kontrollverlustes führen und die Gesprächssituation negativ beeinflussen.

Ein weiterer Nachteil des Telefondolmetschens ist die Zeitdauer. Ein solches Gespräch ist aufgrund von Konzentration und Ermüdung nicht für eine längere Zeit ausgelegt und somit ist es problematisch, komplexe Sachverhalte ausreichend darzustellen und zu besprechen.

Da die Lösung durch Telefondolmetschen jedoch auch viele, vor allem logistische, Schwierigkeiten vermeidet, sollten diese Probleme angepackt werden! Und das hat sich ein internationales Forschungsteam beim Projekt „Turn-Taking und Verständnissicherung beim Telefondolmetschen Arabisch-Deutsch“ auf die Fahne geschrieben. Denn ein erfolgreiches Telefondolmetschen hängt von den Kompetenzen der Dolmetschenden und den kommunikativen Fähigkeiten der Fachkräfte ab, wobei hier die Angewandte Linguistik unterstützen kann.

Telefondolmetschen für bessere Migration 

Gerade in der Kommunikation mit Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten ist Telefondolmetschen besonders relevant. Der breite Bedarf in Unterkünften sowie Betreuungs- bzw. Beratungskontexten kann durch Dolmetscherinnen und Dolmetscher vor Ort nicht gedeckt werden. So bietet das Telefondolmetschen die Möglichkeit, mehr Menschen ortsunabhängig in ihrem Alltag zu unterstützen.

Das internationale Projekt mit Beteiligten in Deutschland, den Vereinigten Staaten und Jordanien untersucht deshalb sowohl Verfahren des Sprecherwechsels, also „Turn-Taking“, und die Verständnissicherung innerhalb von Beratungsgesprächen in sozialen Handlungskontexten per Telefon als auch die Methodik mehrsprachiger Transkription und Annotation für die Gesprächsanalyse. Es soll geklärt werden, wie kommunikative Probleme durch das Fehlen nonverbaler Mittel vermieden werden können und welche sprachlich-kommunikativen Anforderungen an das Dolmetschen von Gesprächen zu stellen sind.

Hierfür werden innerhalb des Projekts computergestützte Gesprächstranskripte angefertigt, die die Schwierigkeiten der mehrsprachigen und interkulturellen Kommunikation herausstellen sollen. Auf dieser Grundlage sollen kommunikative Verfahren modelliert werden, die die Gespräche verständlicher gestalten und gliedern können. Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf der institutionellen Kommunikation. In wissenschaftlichen Workshops wollen die beteiligten Forscherinnen und Forscher Fragen der Gesprächsinteraktion und der Darstellung in der Transkription klären, und in Verbindung mit Berufsverbänden des Dolmetschwesens sollen mögliche Hilfestellungen für die Praxis erörtert werden.

Mehr Infos gibt es auch auf der Projekt-Homepage!

Insgesamt werden auf diese Weise also Methoden erforscht und Muster festgehalten, die das spannende Feld des Dolmetschens per Telefon verbessern, die Dolmetscherinnen und Dolmetscher professionalisieren und – natürlich – den Alltag für geflüchtete Personen sowie Migrantinnen und Migranten erleichtern!

Die Autorinnen: 

Yijia Chen studiert Germanistik als Fremdsprachenphilologie und denkt, dass man mithilfe fremdsprachlicher Kenntnisse eine fremde Kultur gut und tief verstehen kann. 

Yuanying Jin studiert Germanistik als Fremdsprachenphilologie und interessiert sich für alle Formen interkultureller Kommunikation.

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Guter Rat ist teuer. Aber bitte nicht sparen!

Angewandte Linguistik und das Tätigkeitsfeld Beraten

Viele Menschen sind auf der Suche nach Beratung – auch zu Sprache und sprachbezogenen Themen. Privatpersonen, Unternehmen, politische Parteien und viele weitere Institutionen suchen daher bewusst Sprachberatungsstellen auf.

Sprach- und Schreibberatung im Alltag

Die dort stattfindende Sprach- und Schreibberatung hat viele Facetten und Anwendungsbereiche. Wie kann die Identität des neuen Start-Ups sprachlich transportiert werden? Welche Vornamen sind aktuell beliebt oder haben eine besondere Bedeutung? Sollte man E-Mails besser mit „Liebe Mitarbeiter“ oder eher mit „Liebe MitarbeiterInnen“ beginnen? Wie kann ein gelungener Wahl- oder Werbeslogan formuliert werden? Und nicht zuletzt ergeben sich auch viele allgemeine Fragen zur Rechtschreibung, Grammatik oder zur korrekten Übersetzung.

Egal, ob es um private oder berufliche Fragen und Probleme geht, Beratungssituationen entstehen jeden Tag zu jeder Zeit überall. Angewandte Linguistinnen und Linguisten helfen bei diesen Schwierigkeiten!

Wann findet Beratung statt?

Bei der Beratung kommen Ratsuchende auf Expertinnen oder Experten zu und lassen sich von diesen bei der Problemlösung helfen. Geht es um Schwierigkeiten im Bereich Sprache und Kommunikation, haben Angewandte Linguistinnen und Linguisten die notwendige Expertise. Sie kennen sich beispielsweise mit Syntax, Semantik, Phonologie, Morphologie, Übersetzung usw. aus und können ihr Wissen auf das vorliegende Problem anwenden.

Die GfdS – Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.

Angewandte Linguistinnen und Linguisten sind in vielen verschiedenen Formen von Beratungsstellen tätig: Es gibt kostenlose Beratungen in Universitäten, aber auch kostenpflichtige Angebote zum Beispiel bei der Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. Die GfdS berät sogar Abgeordnete des Bundestags!

Sprachberatungsstellen bieten ganz verschiedene Services an: Wenn es generelle Fragen oder Probleme zur Nutzung der deutschen Sprache oder in sprachlichen Zweifelsfällen gibt, können von Linguistinnen und Linguisten Auskünfte erteilt und Gutachten erstellt werden. Aber auch ganze Texte werden unter anderem auf Stil, Ausdruck und Zeichensetzung geprüft und korrigiert, egal ob es sich um eine Bewerbung oder um ganze Geschäftsberichte eines Großunternehmens handelt. Sollte es Themen geben, deren Beratung umfangreicher ausfällt, bieten die GfdS sogar Seminare und Workshops an, um beispielsweise über geschlechtergerechte, ‚leichte‘ oder bürgernahe Sprache zu beraten. Die GfdS hat aber noch viele weitere Angebote im Repertoire, die es sich zu anschauen lohnt (wenn sie sich gerne die Liste zu den ‚Wörtern des Jahres‘ anschauen wollen, sind sie auf der Seite auch gut beraten!). Neben der GfdS gibt es natürlich noch viele weitere Beratungsstellen, beispielsweise auch von Duden.

Was macht einen guten Sprachberater aus?

Angewandte Linguistinnen und Linguisten zeichnen sich dann als gute Ratgeberinnen und Ratgeber aus, wenn sie beachten, dass zwischen ratsuchenden und ratgebenden Person eine Divergenz in der Beratungssituation besteht, und wenn sie es schaffen, diese möglichst gering zu gestalten. Unterschiedliches Wissen, die Distanz zum vorliegenden Problem, die Perspektive auf den Sachverhalt sowie bereitstehende Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten machen den Kontrast zwischen beiden Seiten aus. Die ratsuchende Person benötigt eine Lösung für ihr Alltagsproblem, woraufhin in einem direkten Gespräch, per Gutachten usw. beraten und eine Problemlösung gefunden werden soll.

Die Linguistinnen und Linguisten beschäftigen sich mit den Problemfällen und bedienen sich, je nach Art des Problems, an ihren jeweiligen Problemlösekompetenzen und -mitteln. Dazu zählen sprachwissenschaftliches Wissen auf allen linguistischen Ebenen, psychologische Grundlagen, wie sensibler Umgang, und Gesprächsführung. Außerdem sprach- und schreibdidaktische Kenntnisse und Methoden sowie rhetorische und organisatorische Fertigkeiten. Das Problem sollte gemeinsam behandelt und dementsprechende Lösungen angeboten und umgesetzt werden.

Beratung in allen Sektionen

Sprach- und Schreibberatung durch Linguistinnen und Linguisten kann vielseitig angewendet werden, egal, ob es Stilistik, Übersetzungswissenschaft, Medienkommunikation, Gesprächsforschung, Soziolinguistik oder interkulturelle Kommunikation betrifft. Beratung ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit der Angewandten Linguistik und es gilt hier umso mehr: Wo es an Beratung fehlt, da scheitern die Pläne – aber dank Angewandter Linguistinnen und Linguisten sind Sie gut beraten!

Die Autorin und der Autor:

Xinyi Gong studiert im vierten Semester Germanistik als Fremdsprachenphilologie. Sie findet es interessant, sich als Chinesin mit der deutschen Sprachwissenschaft auseinanderzusetzen und neue Perspektiven zu betrachten.

Timo Lüsebrink studiert im zehnten Semester Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch, Geschichte und Politik. Er hält es aufgrund von Erfahrungen aus seinen anderen Fächern für notwendig, dass heutige Politikerinnen und Politiker gut beraten sind, auch linguistisch.

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Führerschein? Fahrzeugpapiere? Deutsch?

Ein Projekt aus dem Tätigkeitsfeld Aufklären

Transformation und Translation – Das Projekt

Stellen Sie sich vor, sie brauchen Hilfe, aber niemand kann sie verstehen. Was wie ein Horrorszenario wirkt, gehört für viele Menschen in Deutschland zum Alltag. Sie fühlen sich ausgegrenzt, weil sie „anders“ sprechen, vielleicht auch „anders“ aussehen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Bundesrepublik zu einer zunehmend heterogenen Gesellschaft entwickelt. Und das prägt natürlich auch die Sprache(n) in Deutschland!

Sprachbarrieren und die damit einhergehende Notwendigkeit für Translationen gehören heute zum Alltag – sie sind aber auch eine tägliche Herausforderung. Zum Beispiel für die Polizei!

Jan Beek und sein interdisziplinäres Team, zu dem auch ein Polizist gehört, von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beschäftigen sich in ihrem Projekt ‚Polizei-Translationen – Mehrsprachigkeit und die Konstruktion kultureller Differenz im polizeilichen Alltag‘ deshalb genau mit diesen Herausforderungen. Wann nehmen die Beamtinnen und Beamten einen Menschen als kulturell „fremd“ wahr? Wie beeinflusst diese Wahrnehmung den Umgang mit diesem Menschen? Und, aus linguistischer Perspektive zentral: Wie sieht die Kommunikation zwischen den Parteien aus?

Am Projekt ist auch Prof. Dr. Bernd Meyer von der Universität Mainz beteiligt. Der Angewandten Linguistik ist er als Leiter der Sektion Interkulturelle Kommunikation und mehrsprachige Diskurse der Gesellschaft für Angewandte Linguistik e.V. sehr zugetan. Mit uns hat er über seine Beteiligung am Projekt Polizei-Translationen gesprochen.

Das Krisenexperiment

„Das Projekt Polizei-Translationen ist am Institut für Ethnologie angesiedelt und überwiegend sozialwissenschaftlich orientiert“, berichtet er. Ursprünglich sei eine linguistische Beteiligung in Form von Gesprächsanalysen der via Body-Cam aufgezeichneten Gespräche geplant gewesen. Aus rechtlichen Gründen war das leider nicht möglich. Die Mainzer mussten umplanen: 

„Daraufhin wurden von uns Aufzeichnungen von Ausbildungsszenarien angefertigt, in denen Polizisten das Verhalten in Standard-Einsätzen üben (Verkehrskontrolle, Ruhestörung). In diese Szenarien haben wir Klienten ohne Deutschkenntnisse eingebaut, das war neu für die Polizisten. Normalerweise üben sie vor allem die Eigensicherung. Nun ging es auf einmal nicht um Gewalt, sondern um Kommunikation. In der Sozialwissenschaft nennt man das auch ein Krisenexperiment: Die Teilnehmer werden mit unerwarteten Problemen konfrontiert, die sie mit herkömmlichen Mitteln nicht lösen können. Die Frage war: Was machen sie, wenn der Fahrer kein Deutsch spricht, man aber trotzdem seinen Führerschein sehen muss?

Die Interaktionen zeichneten sie mit Kameras auf. Anhand der Aufnahmen wurden Beobachtungen festgehalten und Ablaufbeschreibungen erstellt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden zusätzlich nachträglich befragt. So konnten typische Ablaufmuster festgehalten werden.

„Diese Typen wurden als inklusive und exkludierende Mehrsprachigkeit bezeichnet. Inklusiv: Man versucht trotz Sprachbarriere zu kommunizieren. Exklusiv: Man macht weiter und schert sich nicht um die Kommunikation. Die Klienten bleiben dann außen vor, werden z. B. körperlich durchsucht, ohne zu wissen, warum. Ganz schlecht!“

Zum Glück ist dieser Fall nur selten eingetreten: Nur 3 von 33 Teams wurden von Bernd Meyer als exkludierend eingestuft.

„Das Bemühen um Verständigung“ soll im Vordergrund stehen

Die Reaktion der meisten angehenden Beamtinnen und Beamten zeigte also, dass der Wille zur Kommunikation trotz Sprachbarriere durchaus existent ist. Doch guter Wille allein reicht nicht aus, um den polizeilichen Umgang mit Klientinnen und Klienten ohne Deutschkenntnisse nachhaltig zu verbessern. Dafür braucht es konkrete, systemische Lösungsansätze, die mitunter von der Angewandten Linguistik unterstützt werden können.

Prof. Dr. Meyer zählt dabei einige Ideen auf, beginnend mit einem Besuch bei Google Translate. Eine weitere Möglichkeit wäre außerdem, die einsatzbezogenen Sprachkompetenzen zu fördern, „also den Sprachunterricht berufsbezogen organisieren, Sprachunterricht an kommunikativen Kompetenzen ausrichten, mehrsprachige Kollegen einbeziehen usw.“ Damit sollen sowohl neue Kompetenzen aufgebaut als auch bereits bestehende Kompetenzen ausgebaut werden. Die Quintessenz dieser Bemühungen besteht aber vor allem darin, „das Bemühen um Verständigung“ zum höchsten kommunikativen Gut zu machen.

Eine bessere Polizei?

Das Ziel des Projekts ist es, die Polizistinnen und Polizisten für mögliche sprachliche Probleme in Einsätzen zu sensibilisieren, sie aber auch über Lösungsansätze zu informieren. Dazu reicht es nicht, im Nachhinein Fehleranalysen zu betreiben oder sprachliche Missverständnisse zu bedauern. Nein, es sollten auf der Basis wissenschaftlicher Forschung konstruktive Lösungen für alltägliche Probleme entwickelt werden, die in der Realität der transformierten Gesellschaft umsetzbar sind. Denn wer Hilfe braucht, sollte auch verstanden werden – und Angewandte Linguistinnen und Linguisten können helfen, diese Verständigung zu ermöglichen.

Die Autorin und der Autor:

Nina Busch studiert im sechsten Bachelorsemester Germanistik und Political and Social Studies und sieht ein großes Potential in der interdisziplinären Zusammenarbeit der Sozialwissenschaften und der Sprachwissenschaft.

Tim Neumann studiert im achten Fachsemester Deutsch und Englisch auf Gymnasiallehramt. Den größten Spaß im Studium hat er mit mittelhochdeutschen Texten, im Beruf ist er aber dazu bereit, seine Schülerinnen und Schüler damit zu verschonen.

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Wenn Hass die Sprache prägt

Ein Projekt aus dem Tätigkeitsfeld Aufklären

Sprache kann verletzen. Sprache kann diffamieren. Sprache kann diskriminieren.

Leider erleben wir eine solche Verwendung von Sprache in unserem Alltag häufig – insbesondere in den sozialen Medien. Besonders zu kontroversen Themen sind Kommentarspalten unter Beiträgen jeglicher Art, sei es auf Instagram, Twitter oder Facebook, gefüllt mit solcher Hassrede. Einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW zufolge haben rund drei Viertel der Befragten solche Hasskommentare im Internet gesehen, zehn Prozent geben sogar an, sehr häufig auf solche Kommentare gestoßen zu sein.

Häufig wird herabwürdigende oder verletzende Sprachverwendung unter dem Begriff Hate Speech gefasst. Dabei handelt es sich um sprachliche Äußerungen, in denen bestimmte Personen oder Personengruppen gezielt beleidigt werden, sei es wegen ihrer Herkunft, Religion, Sexualität oder anderen Zuschreibungen. Häufig überschreiten solche Äußerungen die Grenzen der freien Meinungsäußerung und fallen in Deutschland z. B. unter die Straftatbestände Volksverhetzung, Verleumdung, Beleidigung oder üble Nachrede gemäß § 130 und 185 ff. StGB. Hate Speech ist aber ein weltweites Problem – und zwar eines, über das noch viel zu wenig bekannt ist.

Das Projekt XPEROHS

Hate Speech ist ein sprachliches Phänomen – und da sind Linguistinnen und Linguisten zur Stelle! Sie befassen sich damit, um die linguistischen Wirkmechanismen von Hate Speech zu ermitteln und auf dieser Grundlage für das Problem zu sensibilisieren sowie über die Wirkung solcher Hasskommentare aufzuklären. Denn je mehr Menschen Hassrede als solche erkennen, desto eher kann dagegen vorgegangen werden und desto besser können Opfer geschützt werden.

Das Projekt “Towards Balance and Boundaries in Public Discourse: Expressing and Perceiving Online Hate Speech (XPEROHS)” stellte über drei Jahre ein Korpus zu Hate Speech aus deutschsprachigem und dänischem Facebook und Twitter zusammen, um die Funktion von Hasskommentaren zu identifizieren und analysieren. Hierbei soll zudem das generelle Ausmaß von Hate Speech auf Facebook und Twitter ermittelt sowie Wortverwendung und sprachliche Muster in den unterschiedlichen Sprachen identifiziert werden. Ebenso wird im Laufe des Projekts die Akzeptanz von Hate Speech in den beiden Sprachräumen ermittelt und verglichen.


Das Projekt XPEROHS gliedert sich in vier verschiedene Teilprojekte. Das erste Teilprojekt hat das Ziel, herauszufinden, welche deutschen und dänischen Ausdrücke in Hate Speech verwendet werden. Es konzentriert sich auf die Erforschung des Gebrauchs und der Wahrnehmung von ethnischen Beleidigungswörtern, entmenschlichenden Metaphern und Metonymien. Ergänzt wird es durch zwei Vergleichsprojekte, die das Kernrepertoire von Bedeutungen und Mustern für Hassrede ermitteln und erforschen, ob und wie sich verschiedene HateSpeech-Niveaus festlegen lassen. Ein Projekt nimmt dabei die dänische und eines die deutsche Sprache in den Blick. Die Untersuchung beruht auf einer quantitativen Analyse des Korpus und kleineren Fallstudien zu verschiedenen Phänomenen wie beispielsweise Ironie.

Das vierte Teilprojekt untersucht die Beurteilung von Hate Speech in verschiedenen sozialen Gruppen. Es soll unter anderem ermittelt werden, wo die Sprecherinnen und Sprecher die Grenze zwischen akzeptabler Meinungsäußerung und Hate Speech ziehen und ob Hate Speech in gesprochener Sprache anders wahrgenommen wird als in geschriebener Sprache.

XPEROHS und der Nutzen für die Gesellschaft

Die Ziele der Projekte sind für unseren Alltag gleich in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. Zum einen werden Ausmaß und Formen von Hate Speech in den sozialen Medien erfasst, wodurch die Aktualität und die Brisanz des Themas deutlich werden. Bislang fehlt es noch an einer umfassenden Bestandaufnahme von Hate Speech – das soll das breit angelegte XPEROHS-Korpus leisten. Außerdem können anhand der Daten typische Lexemverwendungen und sprachliche Muster von Hassrede in unterschiedlichen Sprachen erarbeitet werden. Diese Befunde könnten eine Grundlage bieten, um die Meldesysteme von Plattformen wie Twitter, Instagram sowie Facebook zu verbessern oder gar zu automatisieren.

Durch das XPEROHS-Korpus und die umfangreichen Analysen soll auf sprachwissenschaftlicher Grundlage die Definition von Hate Speech konkretisiert werden. Wo hört die freie Meinungsäußerung auf, wo fängt Hate Speech an? Inwiefern ist die Gesellschaft bereit, Formen verbaler Beleidigungen über Social Media zu tolerieren und wo endet diese Toleranz? Hieraus könnten auch Konsequenzen für die Strafbarkeit von Hate Speech abgeleitet werden.

Ein spannendes und – wie wir finden – sehr wichtiges angewandt-linguistisches Projekt! Wenn Sie mehr erfahren wollen, besuchen Sie die Projekthomepage des XPEROHS-Korpus oder folgen Sie dem Projekt auf Twitter:

Die Autorin und der Autor:

Agata Okula ist Erasmusstudentin der Angewandten Linguistik im zweiten Semester. Ursprünglich aus Polen interessiert sie sich für Fremdsprachen und ist verliebt in Würzburg und Deutschland generell!

Tom Rath studiert im sechsten Semester Gymnasiallehramt für die Fächer Deutsch, Geschichte und Politik und Gesellschaft. Er will das Thema Hate Speech aufgrund seiner Aktualität und des Alltagsbezugs für die Schülerinnen und Schüler auch im Schulalltag stärker thematisieren.

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Sind Sie schon aufgeklärt?

Angewandte Linguistik und das Tätigkeitsfeld Aufklären

Jetzt kommt die Sprachpolizei!

Seit 1991 kürt eine institutionell unabhängige, ehrenamtlich agierende Jury das sog. „Unwort des Jahres“ – davon haben Sie bestimmt alle schon einmal gehört oder sind unbewusst in Ihrem Alltag auf diese „Unwörter“ gestoßen. 2021 hat die Jury – die aktuell aus vier Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern sowie einer Journalistin besteht – das Wort Pushback zum „Unwort des Jahres“ ernannt. Auf Platz 2 landete der Begriff Sprachpolizei. Vorgeschlagen wurden diese und weitere Wörter von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, denen sie im alltäglichen öffentlichen Sprachgebrauch zuvor negativ aufgefallen waren. 

Pushback:

Der Ausdruck Pushback stammt aus dem Englischen und bedeutet ‚zurückdrängen, zurückschieben‘. Er kommt häufig in militärischen Kontexten vor, z. B.: Einen Gegner, einen Angriff zurückdrängen. Im Migrationsdiskurs wurde das Wort für die Praxis europäischer Grenztruppen verwendet, Flüchtende am Grenzübertritt gewaltsam zu hindern. Ganz unterschiedliche Politiker:innen, Journalist:innen und Organisationen verwendeten im Jahr 2021 dieses Wort in Debatten über Flucht und nahmen dabei – bewusst oder unbewusst – in Kauf, dass Flüchtlinge als Feinde gesehen werden können und überdies die mit den abweisenden Aktionen verbundenen gewaltsamen Handlungen sowie die Verletzung des Grundrechts auf Asyl unausgesprochen bleiben.

Sprachpolizei:

Mit dem Ausdruck „Sprachpolizei“ werden Personen in diffamierender Absicht bezeichnet, die sich u. a. für einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen, der auch bisher benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen sprachlich einschließt. Die Jury bewertet ihn als irreführend, weil er suggeriert, dass es eine exekutive Instanz gäbe, die sich anmaßt, über die Einhaltung von Sprachregeln zu wachen und bei Nichteinhaltung Bestrafungen vorsehe oder Bestrafungen durchsetze.

(https://www.unwortdesjahres.nhttps://www.unwortdesjahres.net/unwort/das-unwort-seit-1991/2020-2029/et/unwort/das-unwort-seit-1991/2020-2029/

Nichts formt unseren Alltag so wie unsere Sprache – das betrifft sowohl unser zwischenmenschliches Miteinander als auch unser Weltbild. Ziel der Aktion „Unwort des Jahres“ ist es, sprachkritisch auf diskriminierenden, stigmatisierenden, euphemisierenden, irreführenden oder menschenunwürdigen Sprachgebrauch aufmerksam zu machen. Deshalb sind Angewandte Linguistinnen und Linguisten in diesem Bereich natürlich keine negativ konnotierte Sprachpolizei, sondern sie sensibilisieren und klären zurecht über sprachbezogene Probleme in der Gesellschaft auf.

Sprache sorgt für Probleme?

Haben Sie in den letzten Jahren vielleicht sogar selbst Wörter und Formulierungen aus Ihrem Sprachgebrauch gestrichen? Sprachliches Aufklären ist genau dann gefragt, wenn Sprache in irgendeiner Form zu Schwierigkeiten und Problemen führt.

Einerseits kann das der Fall sein, wenn mit Sprache eine bewusst verschleiernde Wertung vorgenommen wird und so zum Beispiel Sachverhalte verharmlost werden. Auch auf das Wort Militärschlag machte die Jury 2021 aufmerksam, weil es euphemistisch verwendet wird: Von einem Schlag kann sich ein Boxer erholen – nach einem Bombenabwurf im Krieg bleibt an der Einschlagstelle kein Leben zurück.

Zum anderen kann Sprache im zwischenmenschlichen Kontext auch herabwürdigend sein. Spätestens dann, wenn Wörter und Redewendungen aktiv Menschen und Menschengruppen diskriminieren, besteht Handlungsbedarf! Dabei muss die Diskriminierung nicht einmal vorsätzlich geschehen, umso wichtiger ist es, für den eigenen Sprachgebrauch zu sensibilisieren. Ein Beispiel sprachlicher Herabwürdigung wäre sogenannte „Hassrede“, die unter anderem durch menschenverachtende Aussagen bezüglich Hautfarbe oder Sexualität definiert ist. Deren Lexemverwendung und syntaktische Struktur kann sprachwissenschaftlich untersucht werden, um über solche Sprachverwendung aufzuklären – mehr dazu erfahren Sie in unserem Blog der nächsten Woche!

Linguistinnen und Linguisten klären auf!

Die Linguistik ist die Forschungsdisziplin, die die Bedeutung, den Bedeutungswandel und auch die Wirkung von Wörtern mit wissenschaftlichen Methoden erfassen und beschreiben kann. Auf dieser Grundlage sind Linguistinnen und Linguisten besonders gut in der Lage, Probleme mit dem Sprachgebrauch zu erkennen, sie in die Öffentlichkeit zu tragen und gemeinsam mit der Gesellschaft Lösungen zu entwickeln. Damit gehört die öffentliche Kommunikation von Forschungsergebnissen und die Beteiligung an gesellschaftlichen Debatten zu den zentralen Tätigkeiten von Sprachwissenschaftlern und Sprachwissenschaftlerinnen.

Linguistisches Aufklären findet dabei nicht nur institutionsgebunden statt. Es entspringt immer auch einem persönlichen Verantwortungsgefühl und eigener Initiative. Einige Berufsfelder tragen jedoch eine besondere Verantwortung für ihre Sprachverwendung. Wer beispielsweise im sozialen, kulturellen oder medizinischen Bereich oder aber auch der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig ist, sollte besonders verantwortungsvoll mit Sprache umgehen (können). Diese Berufsgruppen können besonders von Aufklärungs- und Weiterbildungsangeboten der Angewandten Linguistik profitieren.

Sprachkritisches Aufklären heißt: Sprachbewusstsein schaffen!

Sprachliches Aufklären hat nichts mit Sprachpolizei spielen zu tun. Angewandte Linguistinnen und Linguisten haben kein Interesse daran, die Sprachproduktion zu überwachen und Sprecherinnen und Sprecher für vermeintlich „falschen“ Sprachgebrauch zu bestrafen.

Stattdessen ist es das Ziel der angewandt-linguistischen Forschung, durch Aufklärungsarbeit ein erhöhtes Sprachbewusstsein in der Öffentlichkeit zu erzielen. So kann für Problembereiche sensibilisiert und gesellschaftlicher Dialog zur Problemlösung angestoßen werden. Dabei ist neben der Angewandten Linguistik auch die Gesellschaft selbst verantwortlich, die Sensibilisierung anzunehmen und ggf. in den eigenen Sprachgebrauch zu integrieren.

Die Autorin:

Jule Beck studiert im vierten Bachelorsemester Germanistik. Neben der Literatur fasziniert sie auch die deutsche Sprache an sich. Als Bachelorstudentin hört sie oft die Frage, was sie mit einer linguistischen Ausbildung denn überhaupt anfangen könne. Sprachliches Aufklären ist eine von vielen guten Antworten auf diese Frage!

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Zwischen rosarot und schwarz-weiß

Ein Projekt aus dem Tätigkeitsfeld Diagnostizieren und Therapieren

Haben Sie schon einmal etwas durch die rosarote Brille gesehen? Täglich schwirren uns Wörter und Ausdrücke im Kopf herum, die uns unbewusst im Alltag auf der Zunge liegen und mit denen wir beim Artikulieren unserer Gefühle den Nagel auf den Kopf treffen. Denn durch sie können wir unsere Emotionen oft besser an den Mann beziehungsweise die Frau bringen und unsere inneren Zustände zielgerichteter und effizienter ausdrücken. Die Schlüssel dazu sind Metaphern und sprachliche Bilder. 

Um innere Zustände und mentale Empfindungen sprachlich zu äußern, werden sie mit verschiedensten Mitteln verbalisiert. Dies geschieht mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln und Verfahren, wie beispielsweise durch prosodische Mittel, grammatische Formen, lexikalische oder figurative Mittel, wie zum Beispiel Metaphern. Wie bereits gesagt, werden Metaphern häufig im Alltag verwendet. Allerdings sind sie zugleich die komplexeste Weise, um die eigenen Emotionen sprachlich zu transportieren und deshalb braucht es die Angewandte Linguistik, um dem Ganzen auf den Grund zu gehen.

Verarbeitung von bildlicher Sprache bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen

Depressive Verstimmungen und Depressionen äußern sich auf vielfältige Weise, unter anderem durch eine Verringerung von Interesse, Motivation und Vergnügen. Da Sprache und emotionales Erleben stark miteinander verknüpft sind, kann die Hypothese aufgestellt werden, dass Menschen mit Depressionen bei der Verarbeitung von figurativer Sprache Schwierigkeiten bis hin zu Funktionsstörungen haben könnten. Dabei ist die Versprachlichung von Emotionen eine lebensweltliche Schlüsselkompetenz, bei der solche Funktionsstörungen den Alltag erheblich beeinträchtigen könnten. Daraus entsteht die Notwendigkeit für Angewandte Linguistinnen und Linguisten, diese Annahme wissenschaftlich zu erforschen beziehungsweise zu überprüfen, um aus den Ergebnissen innovative Impulse für diagnostische und therapeutische Verfahren zu gewinnen. Dieser Aufgabe widmet sich das Projekt “Durch die rosarote Brille gesehen: Die neuronale Verarbeitung sprachlicher Ausdrücke für innerpsychische Zustände mit figurativen und nicht-figurativen Mitteln”.

Am Projekt sind maßgeblich Prof. Dr. Christina Kauschke sowie Prof. Dr. Arne Nagles und Nadine Müller beteiligt, die interdisziplinär die Bereiche Logopädie, Linguistik und Psychologie vertreten. Es wurde, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz auf die Beine gestellt, startete im Dezember 2017 und wird, nach achtzehnmonatiger Verlängerung, voraussichtlich im September 2022 abgeschlossen sein. Als grundlegendes Korpus des Projekts dient die MIST-Datenbank (Metaphors for Internal State Terms). Diese stellt eine Sammlung kontrollierter Stimuli für experimentelle Metaphernforschung bereit. 

Zwei methodische Ansätze: Satzvervollständigung und Sprachproduktion

Im Zentrum des Projekts stehen Patientinnen und Patienten mit einer klinischen Depression sowie deren Nutzung und Verarbeitung von Metaphern und anderer bildlicher Sprache für Gefühle und mentale innere Zustände. Alle beteiligten Patientinnen und Patienten der Studie haben Depressionen nach den ICD-10 Kriterien und nehmen zudem Antidepressiva oder Stimmungsaufheller. Um Vergleiche ziehen zu können, gibt es eine Kontrollgruppe, bestehend aus Personen ohne diagnostizierte Depressionen. Außerdem sind alle Teilnehmenden Muttersprachlerinnen und -sprachler des Deutschen. Beim methodischen Aufbau des Forschungsprojektes werden zwei verschiedene Ansätze verfolgt. Bei der ersten Aufgabe müssen die Teilnehmenden Sätze vervollständigen. Die Sätze können nach vier alternativen Möglichkeiten ergänzt werden. Diese werden anhand des folgenden Beispiels exemplarisch dargestellt:

“Sie stieg in das fremde Auto. Das war …”

blauäugig → angemessene bildliche Vollendung des Satzes

naiv → angemessene wörtliche Vollendung des Satzes

wachsam → unabhängige Ablenkung

primitiv → in der Nähe der semantischen Ablenkung

Als Ergebnis dieser ersten Aufgabe muss festgehalten werden, dass sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen feststellen ließen. Beide bevorzugten wörtliche Ausdrücke (ca. 60%) gegenüber Metaphern (40%) bei der Ergänzung der Sätze. 

Im zweiten Experiment wird die Sprachproduktion der Teilnehmenden angeregt. Hierbei stellten sich eine neue Gruppe von Patientinnen und Patienten mit Depressionen nach ICD-10 Kriterien und eine Kontrollgruppe aus Teilnehmenden ohne Depressionen der Aufgabe, Sprache eigenständig zu produzieren. Um die Sprachproduktion auszulösen, wurde der thematische Apperzeptionstest (TAT) verwendet. Dieser wurde bereits 1936 entwickelt und wird noch immer als Persönlichkeitstest oder in der Motivationspsychologie genutzt. Die Anforderung des Tests besteht darin, mehrdeutige und emotional geladene schwarz-weiße Bilder sprachlich zu beschreiben.

Im Projekt mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer innerhalb von drei Minuten zu sieben von vierzehn Bildern, die willkürlich ausgewählt wurden, ihre eigenen Assoziationen äußern. Bei Bedarf griff der Interviewende unterstützend ein.  Das Experiment ergab, dass die Sprachproduktion bei der Gruppe von Patientinnen und Patienten geringer war. Die Verbalisierung innerer Zustände unterschied sich bei genauer Analyse der Ergebnisse allerdings nicht. Beide Gruppen zeigten einen ähnlichen Gebrauch von Metaphern. Auffällig war allerdings, dass bei der Gruppe der depressiven Teilnehmenden weniger positiv über innere Zustände gesprochen wurde.

Von den empirischen Ergebnissen zum praktischen Nutzen

Obwohl sich die eingangs formulierte Annahme nicht vollumfänglich bestätigt hat, liegt der Zugewinn des Projekts vor allem in der Erforschung von Sprache, Versprachlichungsstrategien und emotionalem Erleben. Durch das Projekt sollen Kenntnisse über die Nutzung und Repräsentation figurativer Sprache im Gehirn erzielt werden. Zudem soll Wissen über neurobiologische Grundlagen der Sprachverarbeitung und der inneren Emotionszustände gesammelt werden. Zum einen können durch die Ergebnisse des Projekts perspektivisch neue Ansätze in der Therapie geschaffen werden, zum anderen können sie klinisch für eine zielgruppengerechte Aufklärungsarbeit sowie für den gezielten Einsatz von Metaphern in Therapien genutzt werden. So sind Angewandte Linguistinnen und Linguisten daran beteiligt, Forschungsergebnisse zu generieren und auf dieser Basis innovative Therapiekonzepte zu entwickeln.

Neugierig geworden? Mehr Informationen gibt es auf der Projekt-Homepage zu „Durch die rosarote Brille gesehen“!

Die Autorinnen:

Yvonne Luksch studiert Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch, Geschichte und Sozialkunde und möchte durch die Vermittlung von Sprache das Interesse der Schülerinnen und Schüler an der deutschen Literatur und Kultur wecken.

Friederike Schmidtmann studiert Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch, Geschichte und Sozialkunde mit dem Ziel, Schülerinnen und Schülern Deutsch so alltagsnah wie möglich zu vermitteln.

Franziska Schulte studiert Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch und Geschichte und arbeitet gleichzeitig als Hilfskraft am Lehrstuhl für Sprachwissenschaft. Sie hatte so viel Freude beim letzten Blogprojekt, dass sie auch bei dieser nächsten Runde dabei sein wollte!

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Sprache lernen – Sprache leben

Angewandte Linguistik und das Tätigkeitsfeld Diagnostizieren und Therapieren. Ein Interview mit der Sprachheilpädagogin und Sprachtherapeutin Martina Barthold.

16.000 Wörter sprechen wir durchschnittlich pro Tag. 16.000 Wörter, die uns Menschen miteinander verbinden, unsere Beziehungen zueinander vereinfachen und das alltägliche Leben in einer Gesellschaft ermöglichen.

Doch es gibt einige Personengruppen, denen das Sprechen deutlich schwerer fällt: In Deutschland leidet jedes dritte Kind im Vorschulalter an einer Sprachstörung und auch Erwachsene haben mit Einschränkungen verschiedener Schweregrade zu kämpfen. Doch zum Glück können hier wieder Linguistinnen und Linguisten helfen!

Erkennen und Handeln

Manchmal haben Eltern den Eindruck, dass die Sprachentwicklung ihres Kindes anders verläuft als die der Gleichaltrigen. Bisweilen bedarf es aber auch des geschulten (und behutsamen) Rates von Erzieherinnen, Erziehern oder Ärztinnen und Ärzten, um Eltern auf Sprachentwicklungsstörungen ihrer Kinder aufmerksam zu machen. Doch auch bei Erwachsenen lassen sich Störungen in der Sprech- und Sprachanwendung feststellen. Dabei können die Ursachen beispielsweise ein Schlaganfall, ein Schädel-Hirn-Trauma oder andere Phänomene sein, welche durch medizinisches Fachpersonal erkannt werden müssen. Hier helfen Angewandte Linguistinnen und Linguisten bei der Erfassung der Sprachprobleme: Handelt es sich um Aussprache- oder Wortschatzprobleme? Welche Laute und Wortkategorien sind betroffen?

Besonders die klinische Linguistik wirkt an der Diagnostik von Sprachstörungen mit, aber auch die Psycho- und Neurolinguistik spielen in der Forschung eine große Rolle. Bei der Diagnose greifen die Sprach- und Sprechexpertinnen und -experten dann auf Forschungsergebnisse aller linguistischen Teildisziplinen von Phonologie über Syntax bis hin zur Lexik zurück.

Über die Diagnose zur Therapie

Sowohl als Unterstützung bei einer Diagnose, als auch beim Erstellen einer Sprachtherapie, sind Angewandte Linguistinnen und Linguisten gefragt. Bei der Entwicklung einer Therapie muss konkretisiert werden, auf welche Sprachsystemebenen sich die Störung bezieht, und es müssen dementsprechend Therapieeinheiten erstellt werden. Um die Erfolgsaussichten noch weiter zu steigern, werden die von Linguistinnen und Linguisten mitentwickelten Therapien von speziell geschulten medizinisch-therapeutischen Berufsgruppen wie Logopädinnen und Logopäden oder Sprachheiltherapeutinnen und -therapeuten durchgeführt.

Anwendungsbereich Sprachheiltherapie

Um nun einen realistischen Einblick in das Tätigkeitsfeld Diagnostizieren und Therapieren zu bekommen, hat Martina Barthold einige Fragen rund um ihren interessanten Beruf beantwortet. Sie arbeitet als Sprachheilpädagogin und Sprachtherapeutin und promoviert momentan zu sprechmotorischen Störungen. Wir haben sie nach den Aufgaben als Sprachtherapeutin, den häufigsten Diagnosen und möglichen Behandlungsmethoden sowie Erfolgen einer Therapie gefragt.

Interview mit Sprachtherapeutin Martina Barthold

Was genau macht deinen Arbeitsbereich aus?

Im Wesentlichen umfasst mein Arbeitsbereich Tätigkeiten, die auch LogopädInnen ausführen. Dazu gehören die Diagnostik und Therapie von Sprech-, Sprach, Stimm- und Schluckstörungen im Kindes- und Erwachsenenalter, auch die Beratung und Anleitung von Angehörigen kann Bestandteil der Tätigkeit sein.

Die Aufgaben von SprachtherapeutInnen sind sehr vielfältig, viele unterschiedliche Arbeitsbereiche und Arbeitsorte sind möglich. Ein großer Anteil der Beschäftigten dieser Berufsgruppe arbeitet in niedergelassenen logopädischen Praxen. Ich hingegen arbeite zum einen in einer Schule und der dazugehörigen schulvorbereitenden Einrichtung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Die Kinder und Jugendlichen werden einzeln aus dem Kindergarten/der Klasse geholt und bekommen meist einmal die Woche eine Stunde Einzeltherapie.

Ein sehr großer und komplexer Bereich! Welche Diagnosen und Einschränkungen treten denn häufig auf?

Bei Kindern ist das häufigste Störungsbild eine „Spezifische Sprachentwicklungsstörung (SSES)“. Diese kann Störungen in den Bereichen Aussprache (Phonetik und Phonologie), Semantik/Lexikon, Grammatik und/oder im pragmatischen Bereich der Sprache umfassen. Bei Erwachsenen treten häufig Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen mit neurologischer Ursache auf, zum Beispiel als Folge eines Schlaganfalls oder auch aufgrund von Erkrankungen wie beispielsweise Parkinson.

Welche Methoden der Therapie gibt es in solchen Fällen? Kannst du ein bestimmtes Beispiel nennen?

In der Einrichtung, in der ich arbeite, wird beispielsweise häufig mit der Methode der „Neurofunktionellen Reorganisation“ nach Beatrix Padovan gearbeitet. Dabei handelt es sich um eine ganzheitliche Therapiemethode, die sich besonders für Kinder mit kognitiven Defiziten eignet. Ziel ist es dabei, das Nervensystem und somit auch das Sprachsystem neu zu organisieren und auf diese Weise bestimmte Funktionen zum Reifen zu bringen.

Bei Kindern mit normalen kognitiven Fähigkeiten wird oft die „Patholinguistische Therapie bei Sprachentwicklungsstörungen (PLAN)“ nach Siegmüller und Kauschke durchgeführt. Diese Methode ist ein Baukastensystem und bietet Übungsmöglichkeiten für die sprachlichen Bereiche Phonologie, Grammatik und Semantik/Lexikon.

Wer mehr zur Sprachtherapie nach PLAN erfahren möchte, dem empfehlen wir unseren #galwue21-Blogbeitrag „Wenn das Sprechen schwerfällt…“ von Magdalena Belz und Franziska Schulte!

Wann kann man eigentlich von einer „erfolgreichen“ Therapie sprechen?

Ein kurzfristiges Ziel im Bereich Aussprache kann zum Beispiel die Behebung einer Lautersetzung sein, wenn also ein Kind einen Laut im Wort durch einen anderen Laut ersetzt (z.B. sagt es „Tanne“ statt „Kanne“ oder „leise“ statt „Reise“). Kann das Kind dann den Ziellaut korrekt realisieren, ist das ein Therapieerfolg.

Langfristiges Ziel einer Sprachtherapie ist es jedoch immer, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und damit die Lebensqualität der PatientInnen zu steigern. Dies kann zum Beispiel dadurch erreicht werden, dass die Verständlichkeit eines Patienten wiederhergestellt wird und somit auch seine Kommunikationsfähigkeit. Ein anderes Beispiel wäre die Wiederherstellung der Schluckfunktion bei einer Dysphagie. Wenn eine Person nach der Schlucktherapie wieder alle Konsistenzen schlucken kann, ist das ein großer Erfolg: es ermöglicht ebenfalls gesellschaftliche Partizipation, z.B. kann die Person wieder ein Restaurant besuchen.

[Interview leicht gekürzt]

„Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen“. Das nennt Martina Barthold als oberstes Ziel und größten Erfolg einer Sprachtherapie. Therapie soll also die Kommunikation ermöglichen und stärken, denn jedes Gespräch, jeder Satz, jedes Wort verbindet uns Menschen miteinander. Im Bereich Diagnostizieren und Therapieren ist es Aufgabe und oberstes Ziel, Menschen das Kommunizieren zu ermöglichen und somit Sprache zu lernen und Sprache zu leben. Wie wichtig also die Rolle der Angewandten Linguistik für unseren Alltag ist, zeigt sich hier wohl mehr als deutlich!

Die Autorin und der Autor:

Lena Kettritz studiert im sechsten Semester Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch und Sport und möchte ihren Schülerinnen und Schülern später im Unterricht die schönen Seiten unserer Sprache nahebringen.

Konstantin Flierl studiert im sechsten Semester Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch und Geographie und möchte bei seinen Schülerinnen und Schülern das Interesse für die eigene und alltägliche Sprache wecken.

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Ein Wörterbuch ohne Wörter?

DW-DGS. Digitales Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache – Ein Projekt aus dem Tätigkeitsfeld Lehren

Heutzutage findet man für alles ein Wörterbuch, wenn man danach sucht. Ob für Dialektwörter, Katzensprache oder erfundene Sprachen wie Elbisch oder Klingonisch – für sie alle gibt es verschiedene Nachschlagewerke. Die Fülle an Wörterbüchern scheint schier unendlich groß und sicher haben auch Sie schon einmal eines in Ihrem Alltag verwendet! Es gibt jedoch eine Sprache, der ein umfangreiches, korpusbasiertes Wörterbuch fehlt – die deutsche Gebärdensprache. Kaum zu glauben, oder? Das haben sich auch Angewandte Linguistinnen und Linguisten gedacht und sich daran gemacht, bei der Schließung dieser Lücke zu unterstützen.

Gebärdensprachen sind visuell-manuelle, natürliche Sprachen von derselben Komplexität wie gesprochene Sprachen. Die Gebärden verbinden Gestik, Mimik und das Mundbild von lautlos gesprochenen Wörtern sowie Wechsel der Körperhaltung und werden insbesondere von nicht-hörenden und schwerhörenden Menschen zur Kommunikation genutzt. Gebärdensprachen verfügen über einen umfassenden Wortschatz und folgen ihrer eigenen Grammatik. Dabei werden, wie in gesprochenen und geschriebenen Sprachen, Elemente (hier die Gebärden) zu Sätzen und Satzfolgen zusammengefügt. Es gibt jedoch nicht die eine Gebärdensprache, sie unterscheiden sich weltweit und auch innerhalb einzelner Länder als Dialekte.

Wie wird das DW-DGS erstellt?

Ziel des Projekts ist die Erstellung eines Digitalen Wörterbuchs der deutschen Gebärdensprache (DW-DGS), das nicht auf der deutschen Lautsprache beruht, sondern auf den Gebärden selbst. Dazu arbeiten Linguistinnen und Linguisten mit Mitgliedern anderer Fachbereiche, gehörlos oder hörend, zusammen. Das Wörterbuch dokumentiert und erklärt, wie Nutzerinnen und Nutzer der deutschen Gebärdensprache in ihrem Alltag kommunizieren.

Dafür wurde zunächst das DGS-Korpus erstellt, das aus Beispielen besteht, die zeigen sollen, wie die Sprache im alltäglichen Gebrauch verwendet wird. Um dieses Korpus zu erstellen, wurden für das Projekt in ganz Deutschland Freiwillige befragt, die die deutsche Gebärdensprache verwenden. Die Freiwilligen wurden gefilmt, während sie sich zum Beispiel über vorgegebene Themen unterhalten oder Bildergeschichten nacherzählt haben. Das Videomaterial wurde dann von Linguistinnen und Linguisten ausgewertet. Dabei wurden auch regionale Unterschiede mit einbezogen, um ein möglichst genaues Ergebnis zu erzielen und ein größeres Verwendungsspektrum zu bieten.

Der Willkommensgruß des DW-DGS in Gebärdensprache! Hier wird zudem auf die (noch) Unvollständigkeit des Wörterbuchs hingewiesen. (Video von der Projekthomepage)

Wie funktioniert das Wörterbuch?

Das DW-DGS ist in erster Linie ein einsprachiges Wörterbuch, welches als Nachschlagewerk für alle fungiert, die sich für Gebärdensprache interessieren, diese in ihrem Alltag nutzen, sie lehren oder lernen wollen. Dabei werden die Gebärden in Videos gezeigt und ihre Verwendung erklärt. Es gibt jedoch auch eine Beschreibung der Gebärden in deutscher Sprache und eine Suchfunktion für diese deutschen Wörter. Daher hat das DW-DGS mehrsprachigen Charakter und ist keineswegs ein Wörterbuch ohne Wörter, sondern eins mit Gebärden und den zugehörigen Wörtern. 😉

Um eine reibungslose Nutzung garantieren zu können, braucht es unter anderem Spezialistinnen und Spezialisten der Lexikographie, also Linguistinnen und Linguisten, die sich mit Wörterbüchern, ihrem Aufbau und der Online-Nutzung beschäftigen. Für diese Nutzung wurden Befragungen unter Usern durchgeführt sowie stetig um Feedback gebeten.


So sieht ein vorläufiger Wörterbucheintrag einer Gebärde im DW-DGS aus! (Abbildung von der  Projekthomepage)

An wen genau richtet sich das DW-DGS?

Grundsätzlich ist das online verfügbare Wörterbuch natürlich für jede und jeden zugänglich. Das Augenmerk liegt aber vor allem auf Menschen, welche die deutsche Gebärdensprache als ihre Muttersprache nutzen. Außerdem ist es für fortgeschrittene Lernerinnen und Lerner geeignet sowie für Personengruppen, die sich sowohl in der Theorie als auch in der Praxis mit der Struktur und der Verwendung der deutschen Gebärdensprache befassen. Zu diesem Personenkreis zählen beispielsweise DGS-Dozierende, Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher aber auch Linguistinnen und Linguisten allgemein.

Darüber hinaus richtet es sich unter anderem an Eltern gehörloser Kinder, Hörende, die beispielsweise mit Gehörlosen zusammenarbeiten sowie an Spätertaubte. Um die Kommunikation zwischen Hörenden und Nicht-Hörenden zu verbessern, lohnt sich ein Blick in das DW-DGS aber sicherlich für alle!

Wer stellt das DW-DGS überhaupt auf die Beine?

So ein großes Langzeitprojekt (immerhin läuft es seit 2009!) muss von vielen Mitarbeitenden getragen werden. Das Team rund um das DW-DGS setzt sich sowohl aus gehörlosen als auch aus hörenden Mitwirkenden zusammen. Gemeinsam arbeiten sie für dieses Akademieprojekt am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg. Teil dieses großen Teams sind zudem Angewandte Linguistinnen und Linguisten. Diese kümmern sich lexikographisch um die bereits genannte Korpus- und Wörterbuchgestaltung, fragen sich also, wie solche Artikel am besten aufgebaut sein sollten und wie man sie online strukturiert nutzen kann. Zudem befassen sie sich mit der Analyse der Sprache. Dazu gehört unter anderem das Erfassen der lexikalischen Struktur authentischen Sprachgebrauchs. Neben derzeit mehr als zehn studentischen Hilfskräften, wird das Projekt zudem von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaften anderer Disziplinen sowie weiteren Personen, welche den Kontakt zwischen dem Projekt und der Gebärdensprachgemeinschaft herstellen, tatkräftig unterstützt.

Wofür braucht man das Projekt?

Das digitale Wörterbuch der deutschen Gebärdensprache besitzt eine große Besonderheit: Es ist das erste korpusbasierte allgemeinsprachliche Wörterbuch der deutschen Gebärdensprache, es geht also von den Gebärden und nicht vom deutschen Wort aus. Damit ist es ein wichtiger Schritt in der Erforschung, Dokumentation und Lehre der deutschen Gebärdensprache. Besonders für die bereits genannte Zielgruppe soll das DW-DGS eine Erleichterung sein und Vorteile bringen, wie zum Beispiel das Vermeiden von Misskommunikation durch regionale Unterschiede. Aber nicht nur das. Es soll auch dadurch, dass es als eine gemeinsame Grundlage für Lehrende und Lernende dient, die deutsche Gebärdensprache für ein größeres Publikum zugänglich und nutzbar machen sowie Standardisierung ermöglichen. Ab seiner Veröffentlichung im Jahr 2023 soll es nach einem 15-jährigen Entwicklungszeitraum also vielen Lernenden als ausführliche Hilfe dienen und den Alltag für Nutzerinnen und Nutzer erleichtern.

Mehr Informationen zum Korpus und Wörterbuch gibt es auf der zugehörigen Homepage des DW-DGS!

Die Autorinnen:

Julia Brümmer-Dauer studiert im 6. Semester Germanistik und Geographie auf Gymnasiallehramt. Neben ihrem Interesse an Humangeographie begeistert sie sich auch für die Angewandte Linguistik.

Anna-Lisa La Rocca ist Gymnasiallehramtsstudentin und studiert im 8. Semester Germanistik, Anglistik und Sozialkunde. Wenn sie sich nicht gerade mit dem DW-DGS auseinandersetzt, ist sie Teil der Uni-Zeitung Sprachrohr.

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Im Sprint zu besserer Kommunikation

Ein Projekt aus dem Tätigkeitsfeld Lehren

Die Herkunft und die sozialen sowie kulturellen Voraussetzungen spielen in vielen Bereichen unseres alltäglichen Lebens eine große Rolle. Vor allem aber in der Schule sind die Differenzen in der Leistung aufgrund unterschiedlicher Ausgangspunkte gravierend. Differenzen in Bildungsstand und kommunikativen Fähigkeiten machen sich insbesondere in Fachbereichen bemerkbar, die stark auf Kommunikation beruhen. So auch im Fach Deutsch: Hier bemerken viele Lehrkräfte große Unterschiede in der Kommunikationskompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler, die auf Bildungsbenachteiligungen schließen lassen.

Können Angewandte Linguistinnen und Linguisten hier helfen? Auf jeden Fall, findet Prof. Dr. Miriam Morek. Deshalb ist sie im Projekt „Sprint“ aktiv. Sprint ist ein Projekt, das Linguistinnen und Linguisten sowie Lehrerinnen und Lehrer vereint, und Konzepte entwickelt, die Sprachförderung verbessern sollen. Das lässt sich auch bereits aus dem vollen Namen des Projekts ableiten: Sprint – Sprachbildung interaktiv.

„Im Projekt geht es uns darum, die Gesprächskompetenz der Lehrkräfte zu schulen. Die Förderung von Kommunikationskompetenz bzw. Kommunikationstrainings sind ja ganz klassische Untersuchungsbereiche oder Anwendungsbereiche der Angewandten Linguistik. Uns geht es vor allem um eine Kommunikationsschulung der Lehrkräfte, aber eben mit dem Ziel, dass die Inhalte auch aus sprachdidaktischer Sicht tragfähig sind und bei den Schülerinnen und Schülern wirklich ankommen. Deswegen ist es vielleicht, kann man sagen, gleich eine doppelte Anwendungsperspektive.“

Ein Projekt für den Schulalltag

In diesem Kontext ist auch das Projekt Sprint entstanden.

Im Fokus des Projekts Sprint steht die alltägliche Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden im Unterrichtsgespräch. Das Projekt setzt bei der Schulung der Lehrkräfte an, indem Gesprächswerkzeuge, also Tipps und Tricks für die Gestaltung, entwickelt werden, mit denen die Unterrichtsgespräche zum Training der Diskursfähigkeit von Schülerinnen und Schülern genutzt werden können. Hieraus soll auf lange Sicht die Kommunikationskompetenz der Lernenden in der Sekundarstufe verbessert werden – und gleichzeitig auch ein Abbau der Benachteiligungen durch soziale Ungleichheiten erreicht werden.

„Schlechte Unterrichtsgespräche sind ein typisches Alltagsproblem von Lehrkräften, aber auch von Schülerinnen und Schülern. Aus der interaktions- und gesprächsanalytischen Forschung zu Unterrichtsgesprächen weiß man: Der Lehrer hat sehr viel Redeanteil. Meist sind es dreischrittige Sequenzen: Der Lehrer stellt eine Frage, der Schüler antwortet, der Lehrer evaluiert. Es entsteht eigentlich kein wirkliches gemeinsames Nachdenken über die Fachgegenstände mittels Sprache.“

Und so soll die linguistische Lösung klappen

Ein komplexes Problem, das das Projekt aktiv anzugehen versucht. Zunächst wurde eine Grundlage für das Projekt geschaffen. Die 13 teilnehmenden Lehrkräfte aus unterschiedlichen Schulen wurden interviewt. Der gesprächslinguistische Befund wurde bestätigt, auch aus diesen Interviews ging hervor, dass die Unterrichtsgespräche zu monoton ablaufen: Lehrkraft und Lernende tauschen lediglich Fragen und Antworten aus. Es kommt meist nicht zu einem argumentativen Austausch zwischen den Parteien, sondern lediglich zu stichwortartigen fachlichen Kurzgesprächen. Als Lösung bieten die Angewandten Linguistinnen und Linguisten von Sprint einen Werkzeugkoffer für Lehrkräfte an, der verschiedene Tools enthält, die ein argumentatives Unterrichtsgespräch ermöglichen.

„Dieses Problem kann man beheben, indem man die Lehrkräfte schult, aus diesem typischen Mustern der Unterrichtskommunikation auszubrechen und die bewusst anders zu moderieren und anders zu gestalten.“

,meint Prof. Dr. Miriam Morek.

Innerhalb von zwei Jahren organisierten sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sechs Workshops für Lehrerinnen und Lehrer. Diese dienten dazu, in einem geschützten Raum anhand von Einzelcoachings via Video die Ideen der Lehrkräfte im Unterrichtsgeschehen zu erproben und weiterzuentwickeln. In den darauffolgenden praktischen Phasen konnten die Lehrkräfte die erlernten Praktiken im Unterricht anwenden. Die Unterrichtsgespräche wurden gefilmt und durch die Mitarbeitenden des Projekts qualitativ und quantitativ analysiert. Auf jede gefilmte Unterrichtssequenz folgte ein Feedback.

Das Projekt wird durch eine Konzeptentwicklung abgeschlossen, die festlegt, wie Sprint nachhaltig auch über die Grenzen des Lehrkraft-Netzwerks hinaus in den Schulen verankert werden kann. Prof. Dr. Miriam Morek und die anderen Projektmitwirkenden setzen sich dafür ein, dass auch Schulen, die nicht am Projekt beteiligt waren, Zugang zu den Erklärvideos und weiteren Projektmaterialien erhalten, um die Konzepte in ihren Schulalltag zu implementieren. Zudem hospitieren am Projekt beteiligte Lehrkräfte bei Kolleginnen und Kollegen und an anderen Schulen.

Wer noch mehr erfahren will, ist herzlich eingeladen, auf der Webseite des Projekts vorbeizuschauen!

Vielen Dank an Prof. Dr. Miriam Morek, die sich für diesen spannenden Blogbeitrag interviewen ließ und wertvolle Einblicke in das Projekt und die zukünftige Umsetzung der entstandenen Konzepte in den Unterrichtsalltag an den Schulen lieferte!

Die Autorin:

Isabell Neumann studiert Gymnasiallehramt mit den Fächern Deutsch, Englisch und Latein. Ihr Lieblingszitat ist: „Lehrer wird man nicht. Lehrer muss man sein, um es zu werden“ (Paul Esser) – sie möchte einmal eine nahbare Lehrerin sein und kein eiskalter Stein.

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